Pressekonferenz 19.3.2026

PRESSEINFORMATION zur Pressekonferenz am 19. März 2026 in Wien und online

Bundesverband Österreichischer Kinderschutzzentren präsentiert Digitales Kinderschutzzentrum und warnt vor Sparmaßnahmen im Kinderschutz

Wien, 19.3.2026 – Kinder und Jugendliche sind in Österreich besonders häufig von Gewalt betroffen. Das Risiko, Gewalt zu erleben, ist zwei- bis dreimal so hoch ist wie jenes von Erwachsenen.[i] Gleichzeitig fällt es vielen Betroffenen schwer, über ihre Erfahrungen zu sprechen oder Unterstützung zu suchen. Vor diesem Hintergrund warnen Expertinnen des Bundesverbands der österreichischen Kinderschutzzentren im Rahmen einer Pressekonferenz am 19. März 2026 vor den Folgen möglicher Einsparungen im Kinderschutz in Österreich. Davon betroffen wäre auch das erste Digitale Kinderschutzzentrum als niederschwelliges Unterstützungsangebot, das mit Mitteln der Förderung eingerichtet werden konnte und im März 2026 seinen Betrieb aufnimmt.

Die Expertinnen betonen, dass frühe Hilfe und niederschwellige Angebote entscheidend sind, um Gewaltfolgen zu verringern und betroffenen Kindern langfristig Perspektiven zu eröffnen. Ohne eine Weiterführung der Finanzierung drohen wichtige Strukturen im Kinderschutz verloren zu gehen – mit gravierenden Folgen für betroffene Kinder, ihre Familien und die Gesellschaft insgesamt.

Gewalt in der Kindheit hat weitreichende Folgen, individuell und gesamtgesellschaftlich

Kinder und Jugendliche erleben Gewalt in unterschiedlichen Formen – körperlich, psychisch oder sexualisiert, durch Vernachlässigung oder durch das Miterleben von Partnerschaftsgewalt. Diese Erfahrungen wirken häufig über viele Jahre nach und können erhebliche gesundheitliche und soziale Folgen haben.[ii]

„Studien zeigen, dass für Kinder und Jugendliche das Risiko, Gewalt zu erfahren, zwei- bis dreimal so hoch ist wie jenes von Erwachsenen“, erklärt Petra Birchbauer, Vorstandsvorsitzende des Bundesverbands Österreichischer Kinderschutzzentren.

Gewalterfahrungen in jungen Jahren gehen häufig mit Traumatisierungen einher und erhöhen das Risiko für spätere psychische oder körperliche Erkrankungen sowie für Gewalterfahrungen im Erwachsenenalter.[iii] Auch gesellschaftlich sind die Auswirkungen spürbar – etwa durch Folgekosten im Gesundheits-, Sozial- und Justizsystem.[iv]

Besonders wichtig ist daher eine frühzeitige Unterstützung. „Wenn Kinder und Jugendliche nach Gewalterfahrungen erleben, dass ihnen geglaubt wird und sie rasch professionelle Unterstützung in einem geschützten Rahmen erhalten, stärkt das ihr Vertrauen in Hilfsangebote“, betont Birchbauer.

18 Monate Kriseninterventions-Förderung: konkrete Verbesserungen im Kinderschutz

Seit Oktober 2024 ist der Bundesverband Österreichischer Kinderschutzzentren Fördernehmer der Fördermaßnahme „Stärkung der Krisenintervention in Österreich“, die vom Bundesministerium für Soziales, Arbeit, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz 2022 ins Leben gerufen wurde. Die Förderung wurde 2024 – unter anderem nach einem prominenten Missbrauchsfall – für die Betreuung von Kindern und Jugendlichen nach Gewalterfahrungen deutlich ausgebaut.

„Insgesamt rund 8,07 Millionen Euro kommen direkt den 36 Kinderschutzzentren in Österreich zugute“, erklärt Karin Thiller, Geschäftsführerin des Bundesverbands Österreichischer Kinderschutzzentren. „Der größte Teil davon fließt in Personalkosten und damit unmittelbar in die Beratung von Kindern, Jugendlichen und ihren Familien.“

Durch diese Finanzierung konnten österreichweit rund 300 spezialisierte Fachkräfte  -Sozialarbeiter*innen, Psychotherapeut*innen und klinische Psycholog*innen – teilweise oder vollständig über das Projekt finanziert werden. Die Förderung ermöglicht, dass bis zum Ende der Laufzeit per 30.9.2026 etwa 45.000 Stunden Krisenintervention geleistet werden, von denen rund 18.000 Personen (Minderjährige und deren Familien) profitierten. Neben der direkten Beratung wurden mit Mittel der Förderung weitere konkrete strukturelle Verbesserungen umgesetzt: kürzere Wartezeiten, längere Öffnungszeiten und neue oder ausgebaute Standorte, besonders in strukturschwachen Regionen.

Angesichts der aktuellen Budgetverhandlungen richtet der Bundesverband einen klaren Appell an die Politik. „Krisen treffen die verletzlichsten Mitglieder der Gesellschaft am härtesten“, so Thiller. „Die Kinderschutzzentren können helfen – aber nur, wenn die finanziellen Mittel weiterhin nachhaltig zur Verfügung stehen.“

Erstes Digitales Kinderschutzzentrum: anonyme und niederschwellige Online-Anlaufstelle

Ein neues Angebot, das mit Mitteln der Förderung zur Stärkung der Krisenintervention in Österreich geschaffen wurde, ist das Digitale Kinderschutzzentrum, das als niederschwellige Online-Anlaufstelle für Kinder und Jugendliche in Österreich entwickelt wurde. Über eine Chatberatung können Betroffene anonym Kontakt zu Fachkräften aufnehmen und erste Unterstützung erhalten. „Das Digitale Kinderschutzzentrum versteht sich als zentrale und digitale Erstanlaufstelle für gewaltbetroffene und gewaltgefährdete Kinder und Jugendliche und soll ihnen, wenn notwendig, den Weg zu weiteren Unterstützungsangeboten ebnen“, erklärt Gabriela Ulram, fachliche Leiterin des Projekts.

Das Angebot reagiert auf eine Realität im Alltag junger Menschen: Der digitale Raum ist ein zentraler Kommunikations- und Lebensbereich. Gleichzeitig fällt es vielen Betroffenen leichter, anonym über belastende Erfahrungen zu sprechen. „Wir sehen den digitalen Raum als einen der wichtigsten Orte im Alltag von Kindern und Jugendlichen“, sagt Ulram. „Daher ist es uns besonders wichtig, dass Kinder und Jugendliche genau hier auch die Möglichkeit haben, von geschulten Fachkräften Unterstützung zu erhalten.“

Die Onlineberatung versteht sich als Ergänzung zu den bestehenden Kinderschutzzentren und soll insbesondere Kinder erreichen, die bisher keine Unterstützung in Anspruch nehmen konnten oder sich zunächst anonym beraten lassen möchten.

Chatberatung erleichtert den ersten Schritt zur Hilfe

Aus der Praxis der Chatberatung zeigt sich, wie groß der Bedarf an solchen Angeboten ist. „In unserer Arbeit in der Chatberatung erlebe ich immer wieder, wie schwer es Kindern und Jugendlichen fällt, über das zu sprechen, was sie zum Teil täglich erleben. Sie haben Angst vor möglichen Konsequenzen oder schämen sich für das, was ihnen widerfahren ist“, berichtet die Sozialarbeiterin Miriam Sturm, Mitarbeiterin im Digitalen Kinderschutzzentrum.

Der digitale Austausch ermöglicht Betroffenen, selbst zu bestimmen, wann und wie viel sie erzählen möchten – eine wichtige Voraussetzung, um Vertrauen aufzubauen. „Viele wenden sich an uns, weil sie jemanden brauchen, der ihnen glaubt und ihnen sagt: ‚Du bist nicht allein, und das, was du erlebst, ist nicht in Ordnung‘“, so Sturm.

Die Erfahrungen aus der Beratung zeigen: Schon eine erste Nachricht kann für betroffene Kinder und Jugendliche ein entscheidender Schritt sein, um Hilfe zu bekommen und langfristig in ein gewaltfreies Leben zu kommen.

Ein zukünftiger Ausbau eines umfassenden Onlineberatungsangebotes ist vorgesehen. Voraussetzung dafür ist die Fortführung der Förderung durch das Bundesministerium.

Investitionen in Kinderschutz sind Investitionen in die Zukunft: Kinderschutzzentren fordern dauerhafte finanzielle und strukturelle Absicherung der Krisenintervention

Die Expertinnen betonen im Rahmen der Pressekonferenz, dass Kinderschutz nicht von kurzfristigen Förderungen abhängig sein darf. Ohne eine Fortsetzung der Finanzierung drohen nicht nur Projekte zu enden – auch wichtige Strukturen und Fachkompetenzen könnten verloren gehen.

Investitionen in Prävention, Beratung und Unterstützung sind nicht nur eine gesellschaftliche Verantwortung, sondern auch eine nachhaltige Entscheidung – für die Gesundheit, Sicherheit und Zukunft junger Menschen in Österreich. Der Bundesverband Österreichischer Kinderschutzzentren fordert daher eine dauerhafte Absicherung der Krisenintervention und digitaler Beratungsangebote. Nur so kann gewährleistet werden, dass gewaltbetroffene Kinder und Jugendliche auch künftig rasch Unterstützung erhalten.

„Wir appellieren dringend an die politisch Verantwortlichen, in den nun laufenden Budgetverhandlungen ihren verbalen Bekenntnissen zum Kinderschutz auch Taten folgen zu lassen und diese für den Kinderschutz in Österreich so wichtigen Maßnahmen weiterhin zu finanzieren“, so Thiller zum Abschluss der Pressekonferenz.

www.oe-kinderschutzzentren.at

www.digitales-kinderschutzzentrum.at

Förderung des Bundesverbands Österr. Kinderschutzzentren aus den Mitteln der Förderung „Stärkung der Krisenintervention“

  • Gesamtförderung seit Oktober 2024: 9,8 Mio. Euro
  • Beteiligte Einrichtungen: 36 Kinderschutzzentren in Österreich
  • Fachkräfte im Projekt: rund 300
  • Geleistete Kriseninterventionsstunden: ca. 45.000
  • Unterstützte Personen (Minderjährige und Familien): rund 18.000
  • Laufzeit der Förderung: bis 30. September 2026 (Verlängerung nicht gesichert)

Rückfragehinweis:

Verena Bittner-Call
Human Touch PR
+43 650 710 13 73
v.bittner@humantouch-pr.com

 

Mag.a Petra Birchbauer
Vorstandsvorsitzende Bundesverband
Österreichischer Kinderschutzzentren
+43 664 841 80 97
petra.birchbauer@oe-kinderschutzzentren.at

 

Pressetext zum Download als PDF

 

Quellen:

[i] Krisch M, Eisner M, Mikton C, Butchart A (2015) Global strategies to reduce violence by 50 % in 30 years: findings from the WHO and University of Cambridge Global Violence Reduction Conference 2014. University of Cambridge, Cambrigde, S.49.

[ii] Goldbeck, L. (2018). Missbrauch, Misshandlung und Vernachlässigung. In Schneider, S., & J. Margraf, J. (Eds.). Lehrbuch der Verhaltenstherapie, Band 3, Springer: Berlin/Heidelberg.

[iii] Fereidooni, F. et al. (2023): Childhood maltreatment and adulthood victimization: An evidence-based model, Journal of Psychiatric Research, 167, 46-62

[iv] Jud, A. et al. (2025). Varianz und Differenzierung von Kosten im klinischen Kinderschutz   für unterschiedliche Arten von Gewalt in unterschiedlichem Alter

Habetha, S. et al. (2012). A prevalence-based approach to societal costs occurring in consequence of child abuse and neglect. Child Adolesc Psychiatry Ment Health, 6(1), 35.


 

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